ERBAULICH LITERARISCHES VORWORT

 

 

Jede Geschichte hat Geschichte.

 

Indem Brumschedl an der Historie verzweifelte, begegnete er seiner eigenen.

 

Am Anfang war das Wort und ein Wort gab das andere.

Jedoch: „Wer immer das letzte Wort haben will, spricht bald mit sich alleine.“

Und als sie endlich schwiegen entstand Brumschedl.

 

 Sie erzogen ihn in Wort und Schrift.

„Welchen der Herr liebt, den züchtigt er, wie auch der Vater sein Kind straft, weil er es liebt.“

Und Brumschedl gehorchte. Man erleichterte ihm das Folgen mit erbaulichen Merksätzen.

„Messer, Gabel, Schere, Licht ist für kleine Kinder nicht.“

 

Deshalb hat Brumschedl bis heute Respekt vor den Tücken des Haushalts. Er würde auch sonst niemanden dazu animieren wollen, seinen Haushalt zu führen. Denn wie sollte er etwa eine verletzte Gattin verarzten, wenn er doch Scheu hatte, mit einer Schere umzugehen, um damit Verbandszeug zu schneiden? Er würde sich selbst verletzen.

Niemals würde er jemanden in so einen Hinterhalt locken.

 

„Wer andern eine Grube gräbt fällt selbst hinein.“

Schon als Kind achtete er darauf, keine bösen Streiche auszuhecken, obwohl sie ihm schon eingefallen wären.

 Aber: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu!“

 

Daran hat sich Brumschedl immer gehalten und verband den elterlichen Fundus an Merksätzen auch gleich mit deren Berufswunsch für ihn:

„Werde Lehrer, da bist du wer und hast eine sichere Anstellung.“

 

So hatte es geheißen. Und damals hätten sie sogar noch Recht gehabt damit.

Mit „Gut Ding braucht Weile“ waren ihm auch gleich die Grundfesten des üblichen Beamtenstatus vermittelt worden.

 

 

Brumschedl hat in seinem Leben viele Abstriche gemacht. Träume waren nie in Frage gekommen, denn „Träume sind Schäume“. Heute weiß er zwar, dass jeder Werdegang mit einem Traum beginnt, aber heute ist er wohl in einem Alter, wo er sich sagen will:

 

„Hoffentlich passiert mir jetzt nicht mehr das, was ich mir schon immer gewünscht habe – ich müsste sonst mein ganzes Leben umkrempeln!“

 

Und dennoch bemerkt er mit fortschreitender Reife allmählich eine Änderung in seinem Wesen, eine schleichende Erkenntnis, die ihm neulich den Zugang zu einem Sprichwort vergönnte, das niemals im Elternhause zu hören erlaubt gewesen wäre:

 

„Gott hat den Weisen Sorgen gegeben, dafür den Narren ein fröhlich Leben.“

Seitdem ist Brumschedl verstehender Österreicher und darüber hinaus auch noch gerne Lehrer.

 

Es war aber nicht immer leicht gewesen für Brumschedl, wo er doch stets so gut sein wollte, wie sich das die Eltern gewünscht hatten.

Als Märtyrer erzogen landete er stets am Kreuz.

 

Schon während seiner Schulzeit merkten die Bösen, dass er zu gut war, um das Böse zu durchschauen. Er war immer derjenige gewesen, der bis zehntausend hatte zählen müssen, wenn sich die anderen versteckten. Er hatte sie dann auch nie gefunden. Denn während er noch beim Baum stand, mit dem Gesicht zur knorrigen Rinde und zählte, waren die andern schon längst zu Hause gesessen und lachten sich einen Ast.

 

Anstatt selbst das Handwerk des Bösen zu erlernen, spielte er eben nicht mehr mit.

 

Auch später, als die anderen schon längst umtriebigst ihre Liebschaften betrogen, erkundigte er sich nach aufrechten, treuen Seelen, nach ernsthaften Optionen - bis er überall als öder Langeweiler verschrien war, über den die Mädchen kicherten, bevor sie sich an einen Windhund verschenkten.

 

Als Brumschedl sogar einmal unerschrocken - aber natürlich in cognito - ins Internet gelangte und einen Chat-Room betrat, verließen alle sofort den Raum. Dabei hatte er nur den höflichen Satz geschrieben: „Hallo! Worüber diskutiert ihr gerade?“

Eichi, Hexi2, Megastecher und Pixelsau verschwanden wortlos, Blunzi hinterließ noch ein vielsagendes „Hi!“ und verkrümelte sich ebenfalls irgendwohin.

 

Seitdem empfindet Brumschedl das Chatten auch nicht als erbauliche Kontaktschmiede und lässt es sein.

Wer kann schon behaupten, sich selbst richtig einzuschätzen? Brumschedl war so gar nicht mit sich zufrieden. Vor Jahren schon hatte man ihn zu einer Therapie geraten.

 

 

In Kleingruppen hatte er Berührungsängste abgebaut, indem er die schwitzenden Leiber abtasten musste, die sich vor seinen verbundenen Augen räkelten. Kreativ war er gewesen, als sie alle am Boden rutschten und Tierlaute brüllten. Sagen musste er, wenn ihm etwas nicht passte und wurde gleich beim ersten Versuch belehrt, dass er nicht so dominant seine Gefühle äußern sollte, bevor er das Zuhören erlernt hätte. Und so hörte er zu, wie die anderen dominant über ihre Gefühle redeten.

Da sah er sich wieder beim Baum stehen und bis zehntausend zählen.

 

Fremde Hände hatte er gereicht, Sitzkreise gebildet, Wollknäuel geworfen und seinen Namen gesagt, die Namen der anderen gehört und gleich wieder vergessen, mit leichtem Erröten einen Grund erfunden, warum er da war und was er sich erwarten würde, in überhitzten Räumen erkannt, dass er auch so cool hätte sein wollen, wie die anderen vorgaben, zu sein.

Das richtige Atmen, das zum Befreien führen sollte, machte er mit, während vor den Fenstern des Seminarraumes rotbackige Wanderer vorbeikeuchten.

 

Er lernte, hemmungslos mit Lehm um sich zu werfen und die aggressive Energie in künstlerischen Expressionismus umzuleiten. Das Schönste für ihn war aber dann doch das Duschen alleine in der Unterkunft, während unten sein Zimmerkollege noch kichernd die letzten Schlammpatzen wollüstig verteilte.

 

Brumschedl ließ sich von einem fernöstlichen Guru aus dem Waldviertel ein eigenes, nur für Brumschedl erdachtes Wort geben, mit dem er die Transzendenz seiner Seele meditativ ergründen konnte. Ein geheimes Wort. Eines, das niemand wissen durfte. Er hat es brav für sich behalten. Deshalb hatte er nie erfahren, ob nicht alle anderen in der Meditationsgruppe mit dem gleichen Wort meditierten.

 

Er hat in einem Seminar gelernt, irgendein Gegenüber zu beobachten und diesen harmlosen Menschen, der ihm laut Anweisung des Seminarleiters ausgeliefert war, mit detaillierter Beschreibung aller Auffälligkeiten in Bewegung und Gestik zum Schluchzen zu bringen.

 

Und er hat gelernt, dass er eigentlich unglücklich ist und an sich arbeiten müsste.

 

Als sich Brumschedl zu einer Therapeutin wagte und diese ihn minutenlang schweigend anglotzte, ergriff er das Wort und musste daraufhin erklären, warum er die Stille nicht gut aushielt. 

Brumschedl mag Stille sehr gerne, die Stille im Wald zum Beispiel, aber nicht eine Stille, die ihm ein kräftiges Honorar kostete. Um den Preis einer Minute Stille bei der Therapeutin konnte er sich locker eine Netzkarte für die grünen Außenbezirke leisten, wo er ihm der Wald die Seele reinigen konnte.

 

Auch ein Analytiker, der sich um Brumschedl kümmerte, hatte trotz freundlicher Aufmunterungen bald genug von Brumschedls Erzählungen und riet ihm, seine Erlebnis- und Gedankenwelt aufzuschreiben.

Wer schreibt, der arbeitet auf.

 

Und so begann Brumschedl zu schreiben. Je mehr er aber schrieb, desto weniger war es ihm ein Bedürfnis, etwas aufzuarbeiten, was wiederum zur Folge hatte, dass er weniger schrieb.

Letztlich ließ er es ganz und schob die Episoden seines vermeintlich öden Lebens in eine Schublade.

 

Philosophen tun ja auch nichts anderes. Sie schreiben, um etwas in sich aufzuarbeiten. Wahrscheinlich hatten sie in ihrer Kindheit niemanden, der ihnen zuhören wollte.

Warum schreiben Dichter? Sie arbeiten auf.

Vielschreiber wie Goethe, Schiller,  Konsalik oder irgendwelche Glossenschreiber von Zeitungen müssen im Grunde ganz schöne seelische Krüppel gewesen sein .

 

 Immerhin – ein ganzer Wirtschaftszweig lebt davon. Verlage, Buchhändler, Illustratoren, Drucker und viele mehr schöpfen ab, wenn einer sein selbsttherapeutisches Tun veröffentlicht. Am wenigsten kriegt natürlich der Autor selbst, weil man bei ihm gleich das Honorar abrechnet, das er für eine Supervision zu bezahlen hat, sollte er sich in den Glauben verirren, gerne und einträglich gelesen zu werden. 

 

Trotz allem: Brumschedl ist ganz normal. Manchmal sehr kompliziert und manchmal ganz einfach. Das Einfache ist aber schwieriger.

Wenn er bewusst nach der Einfachheit sucht, wird es kompliziert. Das Einfache wird nicht gerne gehört, weil es so wertlos erscheint.

 

Brumschedl hat daheim eine alte, billige Waschmaschine. Sein Nachbar hat die teuerste. Brumschedl wäscht immer noch Wäsche, sein Nachbar kann nur mehr Funktionslichter programmieren.

So ist das mit dem Einfachen.

 

Als einmal ein Bundeskanzler sagte: „Das ist alles so kompliziert!“ lachte man ihn aus statt ihn auf Händen zu tragen.

 

Wenn Brumschedl die Leute nicht im Sitzkreis einer Vorstellrunde sondern an einem gemütlichen Wirtshaustisch kennen gelernt hätte, so wäre man auch ohne die Umwege psychologischer Analysen zu einem einfachen Ergebnis gelangt, nämlich Konsens. Doch so etwas in einem Seminar zu sagen würde einem augenblicklich die Aura des Aussätzigen bescheren.

 

Und so kommt es, dass Brumschedl eines Tages auch etwas Einfaches, Aufrichtiges sagen konnte - auch wenn es böse wirkte -  etwas, das ihm immer verboten gewesen war.

Er sagte: „Nein.“

 

 Da erst begann Brumschedl Mensch zu werden. Einer, der nicht mehr nur gut sein wollte.