2.  Brumschedl soll eine Rede halten

Wenn der durchschnittliche urbane Mensch ans Abenteuer denkt, so denkt er an gefährliche Landpartien, Klettertouren mit der Aussicht auf letalen Gletscherspaltenflug oder an Wüstensafaris mit geifernden Löwenlefzen, Touristentrips in Kriegsgebiete mit animierten Adrenalin-Parties, er denkt an den Vertrauensbeweis in die Gummiindustrie beim Bungee-Jumping , ans einsame Wolfsein beim Free-Climbing, an die Kontobelastung beim Heli-Skiing oder einfach an Urnengänge bei Nationalratswahlen, denn auch die können in Katastrophen enden. 

Wenn Brumschedl als biederer Freizeitphilosoph an Abenteuer dachte, so waren das die kleinen Fantasien, die ihm das Normale spannend machten.

 

Beim Verdauungsspaziergang plötzlich ein halbes Hirschskelett im Dickicht finden, eingekesselt von Spuren riesiger Tierpranken! Hier hüpft das Abenteurerherz und lässt angesichts der unvorbereitet zuschlagenden bestialischen Natur alle Antworten auf unsere Existenzfragen offen.

 

Brumschedl selbst war zwar in diesem Wald als deklarierter Nicht-Hirsch relativ ungefährdet, wusste aber nur zu gut, dass die Wildbahn, die auch ihn zur Strecke bringen könnte, weiter draußen war, außerhalb dieses Hains, also dort, woher er gekommen war.

 

Dort, wo alles für ihn normal ablief, befand sich die größte Gefahr, nämlich das Sicherfühlen. Daran war wohl auch der Hirsch gescheitert.

Brumschedl hatte einmal auf einem Gehweg ein Hühnerbeinchen entdeckt, achtlos weggeworfen, nichts weiter als ein Picknickrest. Warum war ihm das egal und der Hirschkadaver nicht? Je kleiner die schicksalsgebeutelte Kreatur, desto unspannender war wohl ihr Ende.

 

Brumschedl gestand sich ein, dass er zum Beispiel mit der Aura einer versehentlich zerquetschten Ameise kein emotionales Problem verband, hätte er aber einen zerquetschten Ameisenbären gefunden – der kalte Schauer wäre ihm durch die Glieder gefahren!

 

 

Die Abenteuer kommen, auch wenn man sie nicht sucht.

 

So dachte Brumschedl, als er erfuhr, dass er bei der nächsten Schulkonferenz eine kurze Rede halten sollte.

 

Eine Rede!

 

Brumschedl und eine Rede!

Auf Seminar war er gewesen, die Kollegen und Kolleginnen hatten für ihn suppliert, hatten schwerst gearbeitet während er sich höchstwahrscheinlich amüsierte (man weiß doch, was sich auf Seminaren abspielt!), sie wollten nun erfahren, ob sich ihre Mühe auch gelohnt hatte, ob der fahnenflüchtige Kollege Brumschedl tatsächlich gescheiter geworden war. 

Brumschedls Bericht musste sachlich informativ sein, aber nicht zu informativ, sonst fühlten sich die Kollegen belehrt. Nichts verstört ein Lehrervolk mehr als die Gefahr, dass jemand etwas wissen könnte was man selber noch nicht weiß. 

 

Er musste vor allem auch bedenken, keinen Anlass für Spekulationen hinsichtlich etwaiger süßer Seminargeheimnisse zu hinterlassen, die sich dann nach der Konferenz in den üblichen privat gefärbten Kleingruppen  niederschlagen könnten.

 

Brumschedl durfte nicht müde aussehen („Wohl immer spät schlafen gegangen?“), er musste inhaltlich sattelfest wirken (zum Beweis, dass er aufgepasst hatte, bzw. überhaupt in der Arbeitsgruppe erschienen war!), er durfte nichts über Zusammenarbeit oder gar über ein „nettes“ Arbeitsklima erzählen und er hatte es tunlichst zu vermeiden, Schönwetter, entspannte Teilnehmer oder gar eventuelle gemütliche Abendgestaltungen zu erwähnen.

 

„Will er uns foppen?“ spräche die Lehrerschar, die nicht zuletzt Dank Brumschedls Absenz pausenlos im Schulsumpf gesteckt hatten.

Je nach Charakter der hungrigen ‚Man-Redet-Ja-Nur-Grüppchen’ könnten positive Erzählungen Brumschedls arge Neidschübe bei den Kollegen bewirken und Gerüchte über ein angebliches seminaristisches Lotterleben Brumschedls schüren!

 

Nein, Brumschedl musste schweigen wo zu schweigen war, bevor ihn die Meute bis auf die Knochen zerfleischte und im Dickicht liegen ließ.

 

 

Wer eine Rede hält ist Futter für die Hörer, die zwischen den Zeilen lesen wollen. Dessen war sich Brumschedl gewiss und die anstehende Rede schien ein Abenteuer, das – zumindest was seinen Ruf im Kollegium betraf – fatal enden konnte.

Nun war es Brumschedls Art, sich vorzubereiten.

 

Unangenehmerweise hatte diese Vorbereitung auch zu Zeiten stattzufinden, wo sie von Brumschedl gar nicht vorgesehen war, nämlich des Nachts.

Um 2 oder 3 Uhr Früh schreckte er nämlich auf und musste etwaige Fangfragen seiner Kollegen beantworten.

 

Ständig tauchten sie neben seinem Bett auf und wollten ihn süßlich zu Geständnissen verleiten. Wacker legte er sich die Antworten zurecht. Dann drehte er sich zur Seite, wartete aufs Eindösen, ging aber sicherheitshalber dann doch noch einmal die Antworten durch. Es gibt immer etwas zu verbessern. Schließlich war er Lehrer.

 

„Die Kollegin, die mit dir am Frühstückstisch saß, war doch sicher sehr nett, oder?“ fragte eine Stimme der Nacht und hechelte nach romantischer Beichte. Natürlich war sie nett. Sonst hätte Brumschedl sie nicht dieses eine Mal zu ihrer Hotelzimmertüre begleitet. Angeregt plaudernd. Nicht mehr.

 

Gut, genau genommen gab es auch ein zweites Mal. Warum auch nicht? Auf Seminaren hat man schließlich immer viel zu plaudern. Angeregt …

 

Doch Brumschedl musste schweigen. „In unseren Kreisen weiß man nie, wer wen kennt.“ wusste Brumschedl und kannte die unergründlichen Wege heimlicher Kolportagen. Die Leute reden und reden und am Ende käme gar heraus: „Brumschedl ist ein Wüstling und kam nur pro forma nicht im Pyjama zum Frühstück.“

 

 

Darüber sanft einzuschlummern war Brumschedl nicht vergönnt. Gnadenlos meldete sich eine andere Facette kollegialer Düsternis. Die strenge Kollegin aus dem Nichtraucherzimmer stand neben ihm.

„Und...? Wie wirst du das Seminar in die Praxis umsetzen?“

 

Was für eine Frage! Alles würde er umsetzen, er war motiviert, voll guter Vorsätze, selbstkritisch, tolerant, reformbewusst und – vom Alltag losgelöst. Dabei wusste er genau: Zirka zwei Wochen würde es dauern, dann wäre er wieder der Alte.

Und die strenge Kollegin würde siegreich lächeln und ihm mental hinterherzischen: „Sah ich da nicht eben Frontalunterricht? Wo ist denn deine Seminar-Euphorie geblieben?“

Brumschedl wälzte sich im Bett und im Sumpf der Verstrickungen, die ein falsches Wort auslösen könnte.

 

Der Philosoph Brumschedl flüchtete ins Allgemeine: „Abenteuer wären keine, wenn sie nicht mit der Angst spielten.“  Ja – Brumschedl hatte Angst. Angst vor dieser Rede und er hatte Angst vor dem Gerede danach.

 

Um 6 Uhr 30 dröhnte der Wecker. Brumschedl war gerade eingeschlafen. Nun sah er genauso müde aus wie er nicht aussehen hätte dürfen.

 

Der Schultag begann harmlos. Geschäftiges Treiben, hie und da fragte eine Kollegin (den männlichen Kollegen war nämlich gar nicht aufgefallen, dass Brumschedl weg war), wie denn das Seminar gewesen sei und er brauchte nur flüchtig zu antworten „Recht gut.“ Sie gaben sich damit zufrieden, weil ohnehin niemand Zeit hatte, länger zuzuhören.

 

 

Dann aber schlug es endlich 13 Uhr. Nun war die Meute in einer Konferenz zusammengerottet und hatte Zeit zu haben. Ein einsamer Brumschedl und zirka 30 Geschworene mit Richterbefugnis!

 

In Konferenzen sollten wichtige Dinge besprochen werden. Nämlich wirklich wichtige.

 

Aber es lief ab wie immer. Man tat zwar gestresst, vertrödelte aber die Zeit mit Diskussionen über Kaugummiverbot, Klassenpausen, Exekutierung der Hausschuhpflicht, mit Klagen über freche Schüler und die Sinnlosigkeit von disziplinären Maßnahmen, sie alle redeten aus dem Herzen, dachten mit dem Bauch, plauderten miteinander, aber hörten nicht zu, wiederholten sich, scherzten halblaut über abwegige Methodenvorschläge von KollegInnen, beklagten die Dauer der Konferenz, manche hüllten sich in den Kokon verbesserungswürdiger Hausübungshefte und kriegten schier gar nichts mit.

 

Eine der Braven mahnte immer „Psst!“ und schüttelte den Kopf in Richtung Direktor, der neben ihr saß - in den Lärm redend und genervt - einer blätterte seinen Reisekatalog mit Palmenstrand-Angeboten durch, sein Nachbar mit Mundgeruch beugte sich näher und las mit, um das Magenknurren zu vergessen, jemand flüsterte etwas von „Rauchpause“ und alle verstummten plötzlich, als die neue Kollegin ihre Hilflosigkeit eingestand, wenn es in ihrer Klasse ständig genauso zuging und niemand aufpasste.

 

 

Da waren sie dann alle solidarisch erzürnt über die Unaufmerksamkeit der Schüler und beruhigten die junge Kollegin, dass sie nichts dafür könne, die Kinder (also die Fratzen - was man aber nicht sagen dürfe, sondern nur denken) hätten keine Perspektiven mehr, verblödeten mit Computerspielen, hätten keine Konzentrationsfähigkeit und keine geordneten Familien und – so merkte der Turnlehrer an, der erst heute vom Schikurs - also aus dem Urlaub - zurückgekommen war – die heutige Jugend sei völlig leistungsresistent. Die zwei Beinbrüche am dritten Schikurstag sprächen schließlich Bände über die mangelnde Kondition unserer Schüler. 

Doch Brumschedl hatte andere Sorgen.

 

Ach wäre er doch noch auf diesem Seminar!

 

Er saß hier auf jenen berühmten Nadeln und spürte jede einzelne stechen. Die Stunden schwammen in pädagogischem Geplauder dahin und Brumschedl verlor die Orientierung, bei welchem Tagesordnungspunkt sie eigentlich nun tatsächlich waren. Er hatte sogar das Gefühl, dass das keiner der Meute mehr wusste.

 

Brumschedl hasste es nicht zu wissen, wann er drankäme.

 

Und schließlich war es so weit, schneller als Brumschedl dachte. Es war der Direktor selbst, der vielsagend auf die Uhr blickte und sich spontan damit die Sympathien des Kollegiums erwarb. In allen Augen funkelte die Hoffnung auf das direktoriale Schlusswort, keiner dachte mehr an Brumschedl und sein völlig uninteressantes Seminar, die Herren schmeckten schon den bitteren Schaum gediegenen Fassbieres, die Damen erahnten das Bukett fruchtigen Weines, mit dem sich die wundgeredeten Pädagogenlippen baldigst benetzen wollten, um im kleinen, privateren Kreis die Wahrheit über andere diskutieren zu können.

 

 

Brumschedl wäre da vielleicht auch ein Thema. Natürlich hat er sich dort eine aufgerissen! Aber man könne es nicht definitiv sagen, man wüsste es ja nicht, er redet ja schließlich nicht über sein Seminar. Er ist überhaupt so verdächtig still. 

Na gut, still ist er meistens. Wer weiß, was er sonst noch alles zu verbergen hat. Man kann eben nicht hineinschauen in einen Menschen.

Und tatsächlich: Brumschedl war ein Mensch, dessen Glück oft in der Tatsache bestand, dass von außen keine Tatsachen an ihn herangetragen wurden.

Er vernahm die Worte des Direktors: - es wäre nun schon die Zeit erheblich vorgerückt, er schlage vor, den Tagesordnungspunkt „Seminarbericht des Kollegen Brumschedl“ auszusetzen, Kollege Brumschedl möge einen kurzen schriftlichen Anhang zum Konferenzprotokoll anfertigen.

 

Heftiges Nicken der Kollegenschaft unterstützte diesen höchst ökonomischen Vorschlag und Brumschedl war - ehe er sich versah - frei und entlastet.

 

Brumschedl neigte dazu, sich einen Sinnspruch für diese unerwartete Wendung des Schicksals  zurechtzulegen, der da lauten könnte: „Nicht das Ereignis selbst ist Abenteuer, sondern die Vorbereitung darauf.“

 

 

Nach außen hin signalisierte er kollegiales Verständnis dafür, dass er sich zwar vorbereitet habe, aber sich dem Allgemeinwohl zuliebe nicht aufdrängen möge, und packte eilends seine Sachen zusammen bevor einer auf die Idee kam, Verständnis für Brumschedls Bemühungen zu haben.

 

Sie sind ja alle so sozial, die Kollegen! Hätte er aber auf seine auf klärenden Ausführungen bestanden, wären sie über ihn hergefallen, hätten ihn verschlungen mitsamt seiner korrekten Beflissenheit. Sie hätten ihn als Streber und humorlosen Pragmatiker in jedem ihrer Grüppchen ausgerichtet und vermutet, dass er auf Seminar auch so trocken, uninteressant und leblos wäre. Typisch Brumschedl!

Sie konnten ja schließlich nicht wissen, dass es in Wahrheit vor der Hotelzimmertüre zu einer Umarmung gekommen war.

Und das weitere Geschehen konnte Brumschedl selbst nicht fassen, und in der Frühstücksrunde hatte es ohnehin wieder die übliche unverbindliche Unterhaltung über das Schulleben gegeben.

 

Brumschedl begriff plötzlich, dass eigentlich ein völlig anderes Ereignis ihm seine Rede zum Abenteuer gemacht hatte.

 

„Wer zwanghaft Abenteuer sucht, der führt ein Leben ohne Ereignisse, die zu Abenteuern führen.“ Brumschedl gefiel dieser Ansatz, behielt die Weisheit aber für sich.

 

Seine Schüler würden sie nicht verstehen und die Kollegenschaft wollte keine Belehrungen. Vorallem aber ging es sie nichts an, auch wenn sie alle so freundschaftlich taten. Private Bande im Kollegium sind nur Vorwand, um die Alpha- oder Beta-Lehrer herauszufinden.

 

 

Brumschedl behielt das, was ihm niemand mehr nehmen konnte und bemühte sich darüber hinaus, fortan tunlichst nicht mehr auf uninteressante Ameisen zu treten.