Zuletzt hatte er ein Gespür für Skelette im Unterholz. Wer treibt sich dort schon herum, wenn er nicht den Hang zum Wunderlichen hat?
Aber Brumschedl war schon als Kind gerne im Dickicht gesessen. Draußen am Land. Er hatte im Dickicht gesessen und auf den Abend gewartet. Andere Kinder wären im unwegsamen Gestrüpp auf tausende Wunder gestoßen, aber Brumschedl ist kein Entdecker.
Brumschedl mag Pflanzen. Er fährt gerne aufs Land. Dort gibt es noch Fragen, die er nicht beantworten kann. Wäre er einer seiner Schüler, so würde ihm dieses Unwissen nichts ausmachen, denn er wüsste nicht einmal davon.
Doch auch die Leute am Land wissen nicht alles. Dort hält man ihn, den Lehrer Brumschedl, für einen Parasiten, dessen Leben aus Ferien besteht, der gerüchteweise (und somit nachweislich!) mit Drogensüchtigen studiert hat.
So einer passt nun mal nicht in das Weltbild der Anpacker, Hackler und fleißigen Familiengründer.
Diesem Weltbild hatte Brumschedl nichts Spektakuläres entgegenzusetzen. Nur Idealismus. Er hatte als Lehrer Gutes besser machen wollen, hatte in den frühen Achtzigern der Jugend den Geist der späten Achtundsechziger bringen wollen wie ein Messias.
Doch es war anders gekommen. Brumschedl musste Hesse-Ignoranten unterrichten, Banausen, denen Jack Kerouac zu fad erschien, geistlose Körper-Fetischisten, die von Muskelkraft als Lösung träumten anstatt sich vergeistigt mit einem guten Buch im Hawelka zu zeigen.
Doch Brumschedl war Lehrer geblieben, zunächst weil er nicht aufgeben wollte und dann auch noch, weil er nichts anderes gelernt hatte.
Irgendwie wäre Tischler auch eine Alternative gewesen. Aber die wollten keine grünen Branchenfeinde, die etwas gegen Tropenhölzer hatten und am Sonntag mit dem Krätzelpfarrer Nicaragua-Flohmärkte organisierten. Die Tischler hätten solide Arbeiter mit freien Sonntagen für kleine Pfusch-Aufträge gebraucht.
Brumschedl kennt das Land. Er hat eine Tante dort.
Eine, zu der man eben Tante sagt, weil man sie - als man Kind war - mit den Eltern ein Mal im Jahr als Anhängsel zu besuchen hatte, damit die Eltern das Gedeihen ihrer Leibesfrucht unter jubilierender Anteilnahme präsentieren konnten.
„Nein also wie die Zeit vergeht!“, sagt die Tante beim Anblick des heranwachsenden Früchtchens.
„Da sieht man wie man älter wird!“, sagt die Mutter (um auch etwas zum Smalltalk beizutragen).
„Dabei wirst du immer jünger!“, sagt der Vater zur Tante, um die Gefahr von ellenlangen Krankenberichten im Keime fürwitzigen Charmes zu ersticken.
Brumschedl hatte das oft erlebt als Kind und war dann in den Wald aufgebrochen, um im Dickicht auf die abendliche Heimreise zu warten.
Warum Vater und Mutter Brumschedl den entfernten Verwandtschaftsfunken nicht verglühen lassen wollten, wusste er nicht. Im Prinzip hatte die Tante nichts Aufregendes an sich, sie war im Prinzip eine Frau mit überschaubarer Attraktivität gewesen - besonders mit jener eines netten Häuschens im Grünen, wo man das Land besuchen konnte, ohne die Mühsal des Zimmersuchens auf sich nehmen zu müssen. Andere Gründe für jene verwandtschaftlichen Liebes-Reisen waren Brumschedl bis heute verborgen geblieben.
Er erinnerte sich, dass es interessanterweise immer nur die schönen Sommertage gewesen waren, wo der Vater den Drang verspürt hatte, sich „nun endlich wieder einmal“ und „anständigerweise“ um die ferne Tante zu kümmern.
Geregnet hatte es also nie und so konnte Klein-Brumschedl der Erwachsenenkonversation entfliehen, durch die angrenzenden Wäldchen und Weiden streifen, Grashalme zupfen, morsche Äste knacken, mit Stöckchen Kühe ärgern, die stärker waren als er, sie vor sich hertreiben, ihre Ängste erforschen und neue Weidegründe bestimmen, er konnte – gleichsam zukunftsprägend - erfolgreiche Lehrstunden für das Rindvieh ersinnen. Er übte praktisch schon seinen zukünftigen Beruf aus.
Aber er konnte auch aus frischen Quellen trinken, in Bächlein plantschen und hinpischen wo er wollte.
So hatte Brumschedl die Freiheit begriffen.
Den einheimischen Kindern war er immer tunlichst aus dem Weg gegangen. Erstens war er immer schon ausgelacht geworden, bevor er ihr ländliches Kauderwelsch verstanden hatte und zweitens mochten die niemanden aus der Stadt und waren jedes Mal gemein, wenn es doch zu einem Aufeinandertreffen gekommen war.
Sicherlich – auch städtische Kinder sind gemein, aber die am Land waren es viel natürlicher. Und Natürlichkeit macht hilflos, wenn man den Kopf voller Sorgen um seinen Ruf hat.
Einmal hatte es sich wieder nicht vermeiden lassen und eine kernige Schar kleiner Folterkerle, berüchtigter Rotzbuben, verstärkt mit zwei weiblichen Anteilen im Gruppengefüge (zuständig für das Ersinnen intelligenterer Gemeinheiten als Hindreschen), hatte den verängstigten Brumschedl erwischt, ihn umrungen, ihn gefragt, woher er käme (sie waren also ohne Umschweife auf sein Fremdsein losgegangen!), ihn bedrängt, wie lange er bleibe und wie es ihm hier bei ihnen (!) gefalle. Bei ihnen!
Sie wiesen unmissverständlich darauf hin, dass er sich in fremdem Revier befand. Sie hatten ihr Wissen ums gute Benehmen als Waffe gegen ihn gerichtet, denn als Gast darf man nicht blöd zurückreden, du musst höflich bleiben, du musst die Freundlichkeit der Gastgeber ehren, auf dass es dir gut ergehe auf Erden. Und diese frommen Knechte ergingen sich in lieblicher Aufmerksamkeit. Das war das Gemeine!
Auch als Brumschedl irgendetwas Unsicheres zurückstammelte, schimpften sie nicht gleich, so wie es in der Stadt üblich ist, sie warteten mit dem Hauen etwas länger.
Am Land achten die Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten und Knechte wenigstens noch auf alle Kinder, die zum Hof gehören und sind froh, dass die Kleinen irgendwo in Gottes Natur herumstreunen anstatt vor dem Saustall unter den Traktor zu kommen.
Wenn die Sippe aber erführe, dass ein Spross hingelangt und einem Fremden eine getuscht hätte, bevor dieser frech geworden war, so wäre eine abendliche Tracht Prügel als gerechte Lektion für Anstand, Nächstenliebe und Tourismusdenken anberaumt gewesen.
Und deshalb warteten die Kinder, bis die Vorbedingungen für eine - auch gegenüber der Sippe einleuchtend erklärbare - Pflichtwatsch’n gegeben waren.
Sie hatten zunächst eine Mutprobe eingefordert, die Brumschedl aber verweigerte, was sofort kleine, fast freundschaftliche, mehr als Aufmunterung gemeinte Rippenstöße zur Folge hatte. Immerhin war Klein-Brumschedl einer Einladung zu einem Stammesritual nicht nachgekommen und hatte somit den ersten feindlichen Akt gesetzt.
Das merkte man sich!
Brumschedl hatte seine Zwangslage ganz deutlich begriffen, und die Lämmlein des Dorfpfarrers hatten es in Brumschedls Augen auch gesehen. Es waren die gleichen Augen wie die eines getriebenen Rindviehs. Mit der Natur eng verbundene Landmenschen haben für so etwas ein untrügliches Gespür.
Da mit dem kleinen Brumschedl nichts Rechtes anzufangen war, nichts Aufregendes, nichts, wo man zum Beispiel durch eiliges Herbeiholen eines Wundpflasters seine Bereitschaft zum emsigen Umsorgen eines Notleidenden beweisen hätte können, verlegte sich die fröhliche Schar auf neugierig-harmloses Recherchieren von Brumschedls Intimleben.
Wie da zu fragen war, wussten sie. Immerhin waren sie immer dabei gewesen, wenn die Erwachsenen nach dem Kirchgang in harmlosem Geplausche alles in Erfahrung brachten, was auf einem anderen Hof los war. Dadurch beherrschten sie auch die Kunst des Beleidigens mit unverfänglichen Fragen.
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