3.  Brumschedl geht auf Entdeckung

Brumschedl ist im Grunde ein Filou.

Er begeht Umarmungen im Schatten von Hotelzimmertüren, er beschimpft die kritische Jugend, er misstraut seinen Kollegen und denkt sich Antworten aus, er stöbert in Wäldern nach Skeletten und niemand weiß, was er privat sonst tut.

 

Er neigt zur scharfen Beobachtung und gibt sich bieder mausgrau. Er ist sozusagen der Columbo des Schulwesens.

Man kennt ihn kaum. Man kann nur vermuten, sich etwas ausdenken, oder ihn einfach begleiten, ihn ausforschen.

Abgründe könnten sich auftun, ein Heer von Brumschedls könnte plötzlich emporsteigen, mausgraue Klone, eifrige Pedanten, Sadisten und penible Bestien fielen aus ihren Höhlen über den fürwitzigen Forscher her.

 

Man sollte es nicht tun.

 

Einen Brumschedl muss man behutsam entblättern, mit Vorsicht ergründen, zaghaft entdecken.

 

Brumschedl selbst wäre kein Entdecker.

 

Man stelle sich vor:  In 200 Jahren schlügen die Schüler ihre Geschichtsbücher auf und da stünden Magellan, Columbus und Brumschedl. Die Kinder hätten Lachkrämpfe.

 

Brumschedl ist kein Entdecker. Erstens ist der Globus schon fertigentdeckt und zweitens weiß man es nicht genau. Und auf etwas Unsicheres lässt sich Brumschedl nicht gerne ein. Er würde niemals – so wie die historischen Helden – ins Ungewisse aufbrechen und neue Welten mit grausamen Völkern entdecken wollen.

 

Es genügte ihm, frühmorgens in seine Schule aufzubrechen und dort über grausamen Eingeborenen, über die Welt und ihre Entdecker zu berichten.

 

Dennoch hatte sogar Brumschedl manchmal das Gefühl, er müsse sich beizeiten auch dort umsehen, wo es keine Lehrer gab. Gewiss – Schule ist überall, besonders die Schule des Lebens, vor der er die Schüler immer vergeblich warnt, aber von Zeit zu Zeit wäre es vielleicht dem Gemüte zuträglich, sich aus dem sicheren Raum herauszuwagen.

 

Dorthin, wo man jemand war, wo sogar Brumschedl jemand war, wo man ihm zuhörte, wo er Repressalien zur Hand hatte, damit man ihm zuhörte, wo er die Macht hatte, sich auszusuchen, wem er selbst zuhören wollte. Sein Urteil hätte Gewicht. Sogar das Falsche, was er manchmal aus der Enge heraus behauptete, würde geglaubt. So eine Position prägt. So ein Ort müsste das sein.

 

Jedes Mal, wenn sich Brumschedl hinaus in die andere Welt begibt, auf Urlaub ist, in einem Gasthaus sitzt, eine Gruppe fremder Menschen an einem der Tische belauscht, weiß er, welche Personen in dieser Gruppe Lehrer sein müssen.

 

Das sind die Gnadenlosen, die ständig Reden-Müssenden, die Scharfstimmigen, die In-Die-Enge-Treibenden, die Aktivurlauber mit Organisationsdrang, die, die am lautesten tolerant sind.

 

Brumschedl will auch nicht vorschnell urteilen und diese fremden Menschen in eine Schublade reihen, aber meist fangen sie selbst an über die Schule zu reden. Dann weiß Brumschedl, dass er sich nicht geirrt hat.

 

So möchte er nicht sein. Er müsste sich dieser anderen Welt ungeschützt ausliefern und kein Mitteilungsheft verlangen dürfen, wenn einer ungebührlich zurückredet. Brumschedl wäre praktisch nackt ohne seine Schüler.

 

 

Brumschedl fährt gern aufs Land. Vielleicht weil die Leute dort im Vergleich zu ihm als Städter noch immer wie Schüler wirken.

 

Da wird er zwar wegen seines Städtisch-Seins abgelehnt, aber dennoch geachtet. Er hat praktisch den gleichen Stand wie als Lehrer. Noch dazu als Lehrer aus der Stadt, was bei der Landbevölkerung noch erschwerend hinzukäme.

 

Und keinen würde es kümmern, wer Brumschedl wirklich ist. Ländliche Forscher interessieren sich nicht für Menschen -  sie kennen die Abgründe, weil sie selbst aus ihnen kommen....