5.  Brumschedl erlebt einen Tag, der nicht seiner ist.

Als Brumschedl von seiner Landpartie zurückkam fühlte er sich recht schwach. Sogar ein bisschen krank. Trotzdem hatte er das Gefühl, mit Drogen umgehen zu können, denn immerhin hatte das Besäufnis etwas gebracht. Und seien es auch nur vage Erkenntnisse. Eher nur Vermutungen. Doch auch Vermutungen brauchen Keime, um entstehen zu können.

 

Irgendwo hatte er einmal gehört, dass man alkoholische Nachwehen mit Alkohol kurieren könnte. Ob dieses schauerlichen Gedankens entschied er sich für eine andere Heildroge, nämlich die des Koffeins.

 

Brumschedl setzte Wasser auf und suchte die Kaffeefilter namens „Melitta“. So hieß auch eine Kollegin Brumschedls und er drehte das Wasser sofort wieder ab, weil ihm der Gusto vergangen war.

 

Kollegin Melitta war genauso durchlässig, genauso fad wie ein Kaffeefilter, und sie schien genau aus dem gleichen Grund auf der Welt zu sein, nämlich jeden Sud zu behalten. Brumschedl hatte von ihr noch nie etwas anderes gehört als den Aufguss von altem Klatsch über andere.

 

Dennoch waren alle Kollegen inklusive Brumschedl stets freundlich zu Melitta gewesen, ihr Wohlwollen zu verlieren und letztendlich selbst Thema ihrer wässrigen Menschenausfilterung zu werden, hätte wohl keiner provozieren wollen, obwohl jeder wusste, dass sie über jeden etwas wusste, was jeder von jedem gerne gewusst hätte.

 

Manchmal war es also auch interessant, mit Melitta zu sprechen.

 

 

Brumschedl dachte an den morgigen Schultag und an die Mühsal, den loyalen Kollegen mimen zu müssen. So etwas schwächt mit der Zeit und auch der Gedanke daran.

 

Brumschedl begab sich zu Bette und genoss den Schlaf des gerechten Schulmeisters bis er vom Schrillen des Radioweckers aus dem Schoße kindlich-ländlicher Traumen gerissen wurde. Ja, die krachlustigen Weckversuche morgendlicher Radiomoderatoren hatten etwas Schrilles an sich. Das ist ihr Job.

 

Brumschedl war wieder der Alte, sein Kopf war so klar wie jeden Morgen – also ziemlich trübe Klarheit im Denken -, sein Körper entgiftet, seine Seele beladen wie sonst und das Vergangene war weit weg.

 

Unter striktem Ignorieren der allzu menschelnden Umgebung fuhr er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur brodelnden Feuerstelle namens Schule, wo sich die einzukochenden Zutaten vor dem Schultor bereits selbst birnten, sich gegenseitig entkernten und auf Bearbeitungstemperatur brachten.

 

Brumschedl erkannte sofort, dass das heute nicht sein Tag werden würde. Ein Lehrer, dem schon die erste Begegnung mit seinem quirlig-überlebendigen Rohstoff zum Ärgernis gereicht, hat bereits für den Rest des Tages verloren.

 

Und Brumschedl sollte Recht behalten.

 

Die Erste, die ihm über den Weg lief, war ausgerechnet Melitta (damit fiel automatisch der Morgenkaffee aus). Sie erheischte das Opfer Brumschedl und raunte ihm die Botschaft eines „angeblichen“ Krankenstandes der Handarbeitslehrerin zu und erwähnte scheinbar zusammenhanglos, dass besagte Handarbeitslehrerin heute Nachmittagsunterricht hätte.

 

Brumschedls erste Amtshandlung war somit die Lüge eines freundlichen Grußes und einer neutralen Anmerkung über einen Virus, der im Umlauf sein sollte.

 

Die zweite Amtshandlung bestand im Begrüßen des Direktors, der ohnehin nicht hinhörte, weil er bereits telefonisch die ersten elterlichen Sorgen über etwaige zu schlechte Benotungen ihres Wunderkindes zerstreuen musste, im Unterbewusstsein aber registrierte, dass der Kollege Brumschedl den Dienst angetreten hatte und somit keine Supplierung für ihn einzuteilen war.

 

 

Die Supplierpläne hingen bereits aus und auch Brumschedl fand sein Kürzel darauf vermerkt. Nun ist Brumschedl kein arbeitsscheuer Mensch, aber Supplierstunden sind nun mal das Lästigste und Anstrengendste, was sich der Laie gar nicht vorstellen kann.

 

Dass gerade jene Stunden, die man unvorbereitet in fremden Klassen bei voller Löwenbändigerleistung durchstehen muss, oftmals nicht bezahlt werden, ist für Brumschedl schon längst ein Grund, seiner Gewerkschaft nicht zu trauen. Da regt sich keiner auf, wahrscheinlich um nicht noch ärgere Beschneidungen schulischer Potenzen durch den Dienstgeber zu riskieren.

Ein Lehrer, der schon vor Beginn des Lehrauftrages  über Politisches nachdenkt, ist ebenfalls bereits verloren, weil er zwangsläufig binnen weniger Minuten zu der Überzeugung gelangt, dass eigentlich gestreikt werden müsste.

Die da oben sollten endlich lernen, dass man so nicht mit Arbeitnehmern umspringen kann! Sagt Brumschedl.

Doch die da oben haben längst gelernt, dass sie es sehr wohl können. Und Brumschedl wendet sich wieder resigniert seinem Tagwerk zu.

 

 

Supplieren. Er war zum Turnen eingeteilt. Brumschedls Düsternis vertiefte sich. Es würde wieder so ein Tag werden wie vor etwa drei Wochen, als sich schier nichts Positives ereignet hatte. Brumschedl erinnerte sich noch als wäre es heute gewesen.

Es hatte damals ähnlich begonnen:

 

Das Lebende vor dem Schultor kratzt und beißt sich, bevor es in die Sitzbatterien getrieben wird, die Kollegin namens Melitta ist die erste, die etwas weiß, der Direktor bringt als Telefonseelsorger einer Mutter sachte bei, dass ihr ordinärer Bub nicht der Sohn der Schule ist sondern ihrer. Der Schulwart klagt über sein gestriges Leid beim Zusammenräumen, weil in der 1b drei Papierknäuel zu viel und eine leere Colaflasche – man stelle sich vor: Eine leere Colaflasche!! – zurückgeblieben sind, an der Wand hängt ein neuer Aufruf eines politischen Lehrervereins „So kann man mit uns nicht umspringen!“, die winzigen Arbeitsflächen der Kollegen und Kolleginnen sind heillos überfüllt mit Zetteln, Büchern, Broschüren, Essensresten, alten Kaffeehäferln und rotdurchsetzten Merktexten, die Gangaufsicht muss noch telefonieren, das Lebende wälzt sich inzwischen am Gang und zu allem Übel nähert sich die Handarbeitslehrerin dem nächst besten Kollegen - also natürlich Brumschedl - und sprudelt über vor privatem Ungemach.

 

Sie hätte sich bisher nie krank gemeldet, würde stets ihre Pflicht vor körperliches und psychisches Unwohlsein stellen und schlucke tapfer jegliches Unverständnis, das man ihr entgegenbringt - aber in Wahrheit ginge es ihr schlecht. Brumschedel musste sogleich und ausführlich erfahren, was sich bei der Kollegin, die ihm eigentlich immer schon egal war, zugetragen hatte:

 

Mit ihrem Gatten ist sie in den letzten Osterferien einer Geburtstagseinladung gefolgt, ein ihr fremder Mann – dem Geburtstagskind offenbar entfernt verwandt – hat ihr dort von seinem Beziehungselend erzählt, sie zog sich mit dem Armen in eine dunklere Ecke zurück, um ihm die Peinlichkeit zu ersparen, allen anderen seine Tränen zu offenbaren, empfing - nur für den Notfall - seine Handynummer, wendete sich also in mitmenschlicher Fürsorge einem anderen Schicksal zu und erntete dafür vor allen Gästen erboste Vorhaltungen durch ihren verständnislosen Gatten, der sie nach längerer Suche beim seelentröstenden Tun „erwischt“ hatte.

 

Sie fuhren unverzüglich heim und dort hat sie ihm dann in trauter Umgebung des häuslichen Herdes Egoismus, Misstrauen, männliches Revierdenken, Besitzergreifung und Missachtung ihrer Selbständigkeit vorgeworfen, er habe sich einfach blöd benommen, sie habe sich für ihn genieren müssen, was nun die Leute von ihnen denken müssten, sie habe sich mit diesem Mann nur deshalb abgegeben, weil sie ein caritativer Charakter sei.

 

Ihr Gatte aber empfand sich selbst nicht als ausreichend caritativ, um ihr Verhalten nachvollziehen zu können, er hat schon genug gespendet, sagt er, und dann hat sie ihn angeschrieen, weil sie irgendwo einmal gehört hat, dass man Aggressionen herauslassen soll. Dann hat ihr Mann seine Sachen gepackt, hat sie angeschrieen anstatt seine Aggressionen zu beherrschen und ist auf und davon. Es war ihr sowieso wurscht, denn ein Mensch, der sich nicht beherrschen kann, der unsachlich und kontraproduktiv herumschreit, ist ohnehin kein Partner für sie.

 

Sie hat sich dann mit dem Pflegefall vom Geburtstagsfest getroffen, hat sich des Patienten angenommen und ihn mit viel Liebe betreut, hat ihn am zweiten Tag bekocht, am dritten Tag das Bier zum Fernseher gebracht, am vierten Tag hat sie sich ihm verweigert, weil er schon betrunken war, am fünften Tag ist er alleine ins Wirtshaus gegangen und mit zahlreichen Doppelten zurückgekommen, am sechsten Tag war die caritative Schöpfungsgeschichte zu Ende, sie hat ihn rausgeschmissen und die Osterferien waren auch vorbei.

 

 

Jetzt ist sie alleine und merkt, dass sie den Alpha- und Beta-Wolf verwechselt hat, ist irgendwie böse auf ihren Gatten, weil er sich bisher nicht mehr gerührt und gekümmert hat, und fragt nun Brumschedl, was er aus seiner männlichen Sicht raten würde.

Brumschedl - als Paartherapeut heillos überfordert - sagte nur: „Warten.“

 

Diese Antwort fand sie unreif, sie sagte ihm das auch, packte ihre Sachen und entfleuchte auf den Gang das Lebende niederschreien.

 

Brumschedl findet aber, dass seine Antwort sehr reif war, denn er hat damit die Hoffnung verknüpfen können, zukünftig nie wieder mit handarbeitslehrerischen Abenteuern in Berührung zu kommen.

 

Der restliche Tag war mit dem Bestreben ausgefüllt, dem Objekt seiner angeblichen Unreife aus dem Weg zu gehen, nicht gestellt zu werden, nicht als rechtfertigungsverpflichteter Gattenersatz herhalten zu müssen.

 

Da war es dann auch schon gar nicht mehr wichtig, dass ihm mitten in einem Schularbeitskommentar der rote Kugelschreiber ausging und er mit einem anderen Rot eines Tintenstifts weiter schreiben musste, was er absolut ablehnt, weil sich das Stückeln verschiedenfarbiger Schrift in einem Dokument einfach nicht gehört. Brumschedl ist es gewohnt, Quartheften jene Sorgfalt angedeihen zu lassen, die ihnen gebührt. Man nimmt ja Quarthefte für Schularbeiten, weil sie etwas Besonderes sind.

 

 

Mit derartigem Ungemach – von dem Missgeschick beim Händewaschen gar nicht zu reden, wo er sich die Hose nass macht und alle Kinder lachen müssen – war der Schultag damals doch endlich zur Neige gegangen.

 

Brumschedl befürchtete somit Ärgstes auch für diesen Tag.

 

Ein Hoffnungsschimmer war aber immerhin der vermeintliche Krankenstand jener Handarbeitslehrerin, die – wie Melitta so hintergründig angedeutet hatte – nur „angeblich“, also womöglich gar nicht krank war, sondern bloß ihren österlichen Leidensweg aufarbeiten musste, um die Auferstehung ihrer Ehe zu betreiben.

 

Brumschedls Verhältnis zur Religion war ohnehin ein gespaltenes, er wusste lieber als zu glauben, er verbannte das feriale Handarbeits-Drama aus seinem inneren Beichtstuhl, dessen sich diese Kollegin bedient hatte, und rüstete sich für den Kreuzzug dieses Tages.

 

Supplieren. Ausgerechnet Turnen. 

 

 

Brumschedl war froh, dass Gott den Abend erschaffen hatte, worin sich auch solche Tage mit beruhigender Sicherheit verlieren würden…