6.  Brumschedl zweifelt am Geist in gesunden Körpern

Der Herr Turnlehrer war ein gestandenes Mannsbild.

 

Er war eines jener Exemplare, die für die pauschale Ablehnung des Mannes im Allgemeinen verantwortlich sind. Er war nicht nur das rote Tuch für militante Verfechterinnen der Emanzipation, nein, auch Brumschedl fürchtete um seine Nonchalance, wenn ihn der Schatten dieses Überkörpers zu streifen drohte. 

Nun war Brumschedl aber selbst zur körperlichen Ertüchtigung der schlappen Jugend eingeteilt. Dies bereitete ihm große Sorge. 

Die Kinder – ganz besonders die sportverdorbenen Vereinskicker – würden ihn nicht als Gallionsfigur aller einsamen Helden respektieren.

 

Brumschedl hatte nicht den typischen, salopp-diffamierenden Hinterhof-„Schmäh“ auf Lager, er spuckte nicht bei jeder Gelegenheit auf den Rasen, wo keiner ist, er hatte keine stämmigen O-Beine, er kannte keine versteckten Fouls und – was beinahe das Schlimmste war – er trug Turnschuhe, die nicht annähernd dem erforderlichen Preisniveau entsprachen! Wie sollte da die nach starker Hand lechzende Jugend zu ihm aufschauen?

 

Der Turnunterricht war in zwei Gruppen aufgeteilt. Für den Kollegen der zweiten Gruppe musste Brumschedl supplieren. Die erste Gruppe befehligte jener berüchtigte Herr Turnlehrer. Man könnte beide Gruppen auch zusammenlegen, aber das lag nicht im Ermessensrahmen des Direktors.

 

Also hatte Brumschedl die quirlige Meute am Hals.

 

 

Eingedenk dieser düsteren Aussichten begann Brumschedl jedoch das andere Übel zu überdenken, nämlich das Näherrücken zu seinem im biologischen Kreislauf natürlichen Feind, dem Herrn Sportlehrer.

 

Er war also ziemlich geneigt, sich mit seiner Gruppe dem erfahrenen Turnbruder, diesem reckenhaften Kollegen, anzuschließen. Brumschedls Optionen waren schließlich nicht besonders vielfältig: Entweder musste er eine Unterrichtsstunde lang im Alleingang das Chaos einer zischenden, gefräßigen Schlangengrube ertragen, wo doch jeder Einzelne der zügellosen Horde zum Startrainer berufen war, oder er verdingte sich als stiller Beobachter und somit Befürworter der scharfen Kommando-Schreie des gnadenlosen Generals mit dem Herzen am rechten Fleck .

 

Brumschedl entschied sich endlich für die bequemere beobachtende Variante. Das war an einem Tag wie diesem bestimmt das Sicherste.

Es läutete.

 

Noch ein letztes Nippen am kalt gewordenen Kaffee und schließlich ein unvermitteltes Auskotzen dieses Schlückchens, weil eine kameradschaftliche Pranke auf Brumschedls Schultern niederfuhr.

 

"Na, alles fit im Schritt?" erkundigte sich der Turnbruder jovial.

 

„Auf geht’s, Kollege! Der Feind wartet!“

 

Das fing ja gut an! Brumschedl dachte: „Wieso geben sich eigentlich die wahren Feinde immer als Kameraden aus?“. Und er erinnerte sich an die Zeit beim Bundesheer.

„Antreten zum Appell!“

Der Herr Kollege hatte offenbar auch gedient. Vermutlich freiwilliger als Brumschedl.

 

Die rekrutierten Knaben stellten sich an, sie wussten Bescheid. Keiner sprach, alles blickte geradeaus, manche spielten sogar strammes Grüßen und Brumschedl erkannte diese Jungs nicht wieder. Es waren die Gleichen, die Brumschedl noch nie hatte bändigen können. Ein bisschen Neid auf die verachtenswerte Methode des Kollegen kam dabei schon auf.

 

„Und ab!“ bellte der Korporal, der Zug setzte sich in Bewegung, ausnahmsweise ohne Gleichschritt. Schon das erste leise Flüstern wurde geahndet.

„Und halt!“

 

Stillstand.

 

„Was soll das Gequatsche? Mir scheint, da haben sich einige zu Mädchen umbauen lassen!“

 

Brumschedl gab es einen Stich. Wie sehnte er sich jetzt nach der strengen Kollegin aus dem Nichtraucherzimmer! Die hätte diesem despotistischen Parademacho einen Tritt verpasst, dass er nicht einmal mehr vor dem Spiegel sicher sein konnte, welchem Geschlecht er angehörte. Und Brumschedl hätte sich umgedreht und nichts gesehen.

 

 

Aber einige Knäbleins nahmen es lustig, immerhin fanden sie sich in dem Verdacht bestätigt, dass die Mädchen in ihrer Klasse blöde Tratschen waren. Das bestätigte immerhin der Turnlehrer. Und dass diese Mädchen später als Frauen auch nicht besser sein würden, das bestätigten immerhin die Väter.

 

Die Buben der anderen Väter hielten sich so gut es ging heraus, schwiegen und waren bestrebt, so wenig wie möglich im Turnunterricht aufzufallen. Dabei hätten sie diesmal in Brumschedl einen Verbündeten. Doch es war wie immer: Die Lauten geben den Ton an, weil die Brumschedls keinen Konflikt wollten und schwiegen.

 

„Da gibt es nichts zu Kichern! Aber es ist schön, dass ihr noch genug Luft habt. Das werden wir bald ändern!“

 

Das klang nach Schleifen, nach gnadenlosem Gefechtsdienst!

 

Der Zug erreichte die Turnsaalgarderobe, dort stank es noch erbärmlich nach der vorigen Bubengruppe, die Mannschaft zog sich mit ordinären Bemerkungen über diese Schweine allmählich aus und füllte den Raum mit ihrem eigenen böckelnden Hautgout.

 

Währenddessen wurde Brumschedl ein pädagogischer Kurzkurs zuteil, indem der forsche Kollege im Lehrerkämmerchen sein Herz für Kinder eingestand.

 

„Eigentlich sind sie eh lieb. Aber fürchterlich verwöhnt. Bei mir lernen sie wenigstens Disziplin, wenn man schon sonst nichts von ihnen erwarten kann.“

Brumschedl fiel die Krausheit dieser Logik gar nicht auf, er war zu sehr damit beschäftigt, unverbindlich zu antworten, um dem Adonis weder zu schmeicheln noch zu widersprechen.

 

„Die parieren ordentlich!“ sagte Brumschedl lapidar und der Herr Kollege konnte sich nun aussuchen, ob er das als Kompliment oder als zynischen Seitenhieb annehmen wollte. Menschen, die von sich überzeugt sind, nehmen aber alles als Kompliment auf.

 

„Zuerst musst du sie niedermachen, nachlassen kann man immer noch!“ plauderte der Spieß aus seiner Schule, während er sein enges Kraftleiberl überstreifte und aus den freiliegenden Achseln robuster Männerschweiß Brumschedls Nüstern beleidigte. Wie hatte er diese Typen beim Bundesheer gehasst! Das Gewehr hätte er durchladen wollen und sich am liebsten den Seelenfrieden mit einem Blutbad erkämpft!

 

 

Erst niedermachen, nachlassen kann man immer noch! Ein immer wiederkehrender Spruch, der auf Brumschedl nie zutreffen würde. Würde er je jemanden niedermachen, gäbe es gar keine Gelegenheit mehr, nachzulassen. Brumschedl wusste das und es erschreckte ihn. Wahrscheinlich tat er es deshalb nicht.

 

Bei den Mädchen im benachbarten Turnsaal ging es lustig zu. Geschrei und hektisches Treiben tönte herüber und dazwischen überschlug sich ein Lehrerinnen-Stimmbändchen, das noch lange auf Pensionierung hoffen durfte. Aber es hörte sich nicht böse an, nur überfordert. Brumschedl war sich nicht sicher, ob er nicht  lieber drüben in diesem Hexenkessel sein würde.

 

„Ohne Disziplin gehst du selber unter!“ bemerkte der Kommandant mit einem Deut zum Nachbarturnsaal. Brumschedls Pädagogik geriet ins Wanken. Auch das erschreckte ihn.

 

Das scharfe Kommando „Stirnreihe!“ begleitete die geschickt freiliegenden Lehrermuskeln in den Turnsaal. Brumschedl war klar: Hier war das Outfit bereits die halbe Miete. Die schmächtigen Bürschchen erkannten gleich ihren Herrn, weil die einfältigen Ganglien instinktiver Reviermarkierer nur das kraftstrotzende Übertier akzeptieren. Dann tun sie, was man ihnen sagt.

 

Stirnreihe. Ausrichten, nach links schauen, Abstand halten, den Kleinsten an den Schluss der Reihe stoßen, die Größe des rechten Nachbarn prüfen, Schnauze halten und darauf achten, dass die guten Freunde immer an übernächster Stelle stehen, falls für ein Mannschaftsspiel zu Zweit abgezählt wird.

 

 

Der Kommandant ist sichtlich zufrieden, die Buben machen ihm keine Schande, jetzt, wo ein außen stehender Zivilist zuschaut. Brumschedl spürt, dass der Kollege stolz ist auf die Vorführung seines Dressuraktes.

 

Pfiff – Häschenhüpfen – Pfiff – Liegestütz – Pfiff – Schranzhocke – lange kein Pfiff! – dann Beine ausschütteln. Fünf Runden laufen.

„Da haben einige immer noch zu viel Luft zum Reden! Noch drei Runden!“

 

Brumschedl hatte zwar kein Wort gehört, nur Schnaufen, aber der Kollege wollte wohl auch üben lassen, dass das Hinnehmen von Unrecht zur Disziplin gehört.

 

Brumschedl genoss es derweilen insgeheim, nichts tun zu müssen, denn auch die ihm anvertraute Gruppe parierte unter dem klaren Kommando des Feldwebels vorzüglich. Drüben überschlug sich mittlerweile das Stimmchen in Richtung Frühpension.

 

„Na los, Sie Traummännlein!“ hatte der Gefreite gefeixt, um den der Staat gefreit hatte, indem er ihm in Form eines Sternchens Macht versprochen hatte. „Im Gatsch gibt’s keine Matura! Vorwärts, decken!“ Und Brumschedl als einer der wenigen Maturanten im Glied war keuchend umgefallen damals.

 

„Los, beweg’ deine Soletti-Sprudler!“ Alles lacht. Und weil es so gut angekommen ist, noch eins drauf: „Mit deine Kirtagsstelzen kannst beim Perchtenlauf mitrennen!“ Die Menge tobt und krümmt sich in Frohsinn, befreit und ahnungslos darüber, was ein Perchtenlauf sein könnte. Wahrscheinlich etwas Therapeutisches im Irrenhaus. Ja, mit dem Herrn Turnlehrer war es immer recht lustig, wenn man brav folgte.

 

 

„Humor muss eben auch sein.“ erfuhr Brumschedl.

 

Dies erinnerte ihn an somanche Dialoge, die er während seiner kurzen Mitgliedschaft in einem Fitness-Studio erlauscht hatte.

 

Zu dieser Zeit hatte Brumschedl den Schritt zum stählernen Körper beschlossen und seinen Schwimmgürtelwanst freiwillig öffentlich zur Schau gestellt. Es waren weniger die verächtlichen Blicke gewesen, die er sich eingeheimst hatte, sondern eher dieser smarte, jugendlich-frische Elan, diese Erfolgsgenerations-Fröhlichkeit, die ihm an den Typen dort missfiel.

 

Schon beim Anmelden hatte ihm ein braungebranntes, bauch-bein-po-trainiertes Animations-Girlie mit pinkfarbenem Stirnband in fröhlichem Diskant ein schwesterliches „Servus!“ zugezwitschert und ihm so die Message signalisiert: „Hey, komm zu uns, wir sind alle so gut drauf, total easy, und du bist unser willkommener Bruder im Geiste!“

 

Die Besuche im Fitness-Studio hatten etwas Kirchgangartiges, etwas Sektenhaftiges an sich. Alle waren sie glücklich, alle waren sie schön und alle waren sie so fröhlich.

 

„Und eins und zwei und drei und vier – nicht nachlassen, meine Damen, denken wir an unsere Bikinigröße im Sommer! – und weiter geht’s, eins, zwei …“ Die Aerobictrainerin plärrte die hochroten, schwitzenden Leiber über ihr Kopfmikrofon an, hatte selbst keine Schweißperle auf ihrer Stirn und bemühte sich um lockere Humorigkeit. Keine der in Modetönen durchgestylten Damen getraute sich aufzuhören, die Peinlichkeit, sich selbst aus der wohlgelaunten Gruppe der Schönen auszuklinken, wollte sich keine antun.

„Du musst lernen, dich zu quälen!“ hörte Brumschedl einmal einen sagen, der seinem Glaubensbruder in der Kraftkammer noch ein Gewicht auflud.

Die Wölbungen über seinem Kraftgürtel glänzten und trieften, sie hatten schon vorher in der Garderobe geglänzt als wäre dem Guten eine ganzkörperliche Letzte Ölung zuteil geworden. Die Vorbereitungen in der Garderobe gehören zum Ritual und sind beinahe das Wichtigste. Die neidischen Blicke anderer am Weg zum Gerät sind schließlich die wesentlichste Motivation, sich das Ganze überhaupt anzutun.

 

„Ihr werdet doch nicht schon schlapp machen wollen!“ rief der Kollege in den keuchenden Haufen. „Jetzt geht’s erst los!“

 

„Meine Herren, so werdet ihr es niemals auf’s Palmers-Plakat schaffen!“

 

„Keine Müdigkeit vorschützen, Weicheier!“

 

Brumschedl gerieten die Kommandos durcheinander, was er hörte, was er dachte, woran er sich erinnerte, alles passte zusammen.

 

„Der innere Schweinehund ist da, um besiegt zu werden!“ schrie die Trainerin.

 

„Ihr Schweinehunde, der einzige Sieger bin ich!“ schrie der Gefreite.

 

„Los, ihr Loser, auf allen Vieren laufen, aber nicht wie die Schweine!“ schrie der Turnlehrer.

 

„Scheiß drauf!“ schrieen die inneren Schweinehunde sämtlicher gequälter Kreaturen.

 

Und Brumschedl zählte die Minuten.

 

Er dachte an die Oberflächlichkeit der Schickimicki- und Bussi-Gesellschaft, er dachte an die Heerscharen von Duckmausern, die „nur“ Befehle befolgen und er dachte zum Beispiel an das amerikanische Pathos, wo die fettleibige Fastfood-Masse an Stärke und Weltmacht glaubt, und er dachte an den weisen Satz, den er den Amis am liebsten ins Stammbuch geschrieben hätte: „Wenn dumme Menschen Krieg führen, brauchen sie eben intelligente Waffen!“

 

Zuletzt dachte Brumschedl an den Kollegen, der hier vor den Kindern all das repräsentierte, weswegen die Menschheit nie gescheiter werden kann: Blödheit und diszipliniertes Blödbleiben.

 

Eigentlich hätte er, Brumschedl, eingreifen müssen. Schon alleine wegen der Kinder. Aber auch wegen der anderen Turnkollegen, die lediglich den Spaß an der Bewegung fördern wollen, unaufgeregt und ohne machtdemonstrative Stilmittel. Drüben schrie sich die Kollegin die Seele aus dem Leib, weil der Lärm der Begeisterung stärker war als ihre Befindlichkeit. Es war ihre Sache.

 

Die Methode des Turngenerals war seine Sache. Methodenfreiheit.

 

Und Brumschedls Schweigen war Brumschedls Sache.

 

Wenn alles Falsche zusammentrifft, so bewegt sich eben gar nichts.

Brumschedl konnte die Menschen nicht ändern und er wollte sich derartige Grundsatzdiskussionen auch nicht antun. Heute nicht. Das passte nicht zu diesem Tag. Vielleicht morgen. Aber da wird der Zorn verraucht sein.

 

Brumschedl war froh, als die Stunde zu Ende war, er war froh, als der Unterricht zu Ende war, er war froh, als er daheim ankam, er war froh, als er sich hinsetzte und genüsslich die Post öffnete.

 

Jemand aus dem Dorf, das er unlängst unter den Tisch gesoffen hatte, hatte ihm geschrieben.

 

Die Tante war gestorben.

 

Ja …

 

 

Brumschedl fügte sich. Sein Tag war endlich zu Ende. 

 

So ist es manchmal eben.